Ich bin dann mal online auf dem Jakobsweg

„Hannes managt“ ist eine Geschichten-Serie mit feinsinniger Satire aus den und über die Management-Etagen.

Da sammelt sich was an Zeit an

Bei Hannes haben sich einige Überstunden angesammelt. Zusätzlich feiert er dieses Jahr ein Dienstjubiläum. Da summieren sich rund 4 Wochen an zusätzlichen Ferien. Ein schönes Faktum, das aber beizeiten richtig geplant werden muss. Ansonsten ist die Lieblingskreuzfahrt bereits ausgebucht, oder man füllt die Wochen zu früh mit «einen Tag kann ich ja noch fürs Büro arbeiten». Die wahrscheinlichste Variante hingegen ist, dass sich Hannes vom CEO dazu bewegen lässt, die zugesicherte und auch dringend nötige Auszeit um ein Jahr zu verschieben, da just in dieser Zeit ein neues Projekt zur Transformation der laufenden Produktionsanlagen ansteht.

Normalerweise dürfen solche Ferien- und Freitage nicht aufs kommende Jahr verschoben werden. Wenn es aber der CEO anordnet, wird das HR als verlängerter Arm und Vollstrecker der Geschäftsleitung einlenken. Obwohl: wenn dieses Jahr ein Projekt «dazwischen» kommt, dann wäre es im nächsten Jahr sicherlich wieder genauso. Man würde ihm zwar versichern, dass dies ganz gewiss nicht der Fall sein wird, aber mit seinen 25 Jahren Betriebstreue kennt er den wahren Wert solcher Aussagen.

Er muss etwas vorbereiten

Aus diesem Grund ist klar, dass sich Hannes so vorbereitet, dass das Vorhaben gebucht und nicht widerrufen werden kann. Aber was? Bauchentscheide sind en vogue. Aber Hannes ist dafür nicht der Typ, er braucht Strukturen, da dieser Entscheid heute gefällt wird und erst in einigen Monaten zur Umsetzung kommt. Und dann muss das Programm ja immer noch top sein.

Die richtige Evaluation

Es geht nichts über eine Liste mit den wichtigen Kriterien. Diese hilft, eine Entscheidung mit offenem Ausgang, ganz im Stil von Disruption und Transformation, zu fällen.

Grundsätzlich ist Hannes völlig frei und niemandem Rechenschaft schuldig. Aber so einfach ist das natürlich nicht. Hannes ist es sehr wichtig, wirklich Abstand zu gewinnen und sich etwas Gutes zu tun. Gleichzeitig erzielen solche Auszeiten immer auch eine Aussenwirkung. Es macht sich heutzutage gut, so etwas zu tun und es dann konsequent im Self-Marketing zu nutzen.

Pilgern ist mehr als nur ein Weg

Hannes erinnert sich an einen Kollegen, der den Jakobsweg machte. Das ist eine Zäsur im Leben. Gemäss Pilgerführer geht es darum, sich «auf den Weg» zu machen und die Begegnung mit sich selber auszuhalten. Sein Kollege machte das und kündigte sein Vorhaben schrittweise an. Rund drei Monate im Voraus ein erstes Mal auf facebook. Die Likes und Kommentare zeigten, dass solch ein Vorhaben eine sehr positive Aussenwirkung hat. «Viel Erfolg», «das machst du gut» und «ein Vorbild, wer solche Wege auf sich nimmt» füllten die Kommentarspalte. Die Message kam an. Die Likes wurden mit jedem Schritt in der Vorbereitung mehr.

Schliesslich auf dem Weg, der ja dazu dient, ein Leben offline auszuhalten und die Begegnung mit sich zu pflegen, postete der Kollege 48stündlich Selfies. Mal vor einer ausgebuchten Herberge, mal auf einem einsamen Pfad, mal von einem Berg und zigmal mit der Wegweiser-Tafel «Santiago de Compostela». Dort angekommen gab’s wieder Bilder von der Ortstafel, von jeder Kirche und auf jedem Bild am unteren Rand einen braungebrannten schlecht rasierten Kopf vom Kollegen.

Ergänzend dazu Bilder von den ausgelatschten Schuhen und für Hardcores auch eine Nahaufnahme der Blasen an den Füssen. Die Comunity soll aktiv am Pilgerleben teilhaben dürfen und offline war sein Kollege ja auch immer wieder einmal. Also ist der Tatbestand erfüllt, sich auszuklinken und keine Arbeit zu haben.

Das Resultat ist sehr gut

Das wurde enorm geschätzt und bewundert. Das Bild vom Pilgerstempel haben über 300 Leute gelikt und es wurde 80mal mit lobenden Worten kommentiert. Das tut dem Ego gut.

Ja, so eine Pilgerreise ist wohl doch auch Selbstbestätigung, wenn das Self-Marketing so gut läuft. Aber ein Problem hat Hannes noch: er weiss immer noch nicht, wie er die Kamera auf seinem Smartphone so verstellt, dass er selbst und nicht nur das Gegenüber auf dem Bildschirm ist.


Informationen zum Autor
Stefan Häseli ist Kommunikationstrainer, Keynote-Speaker, Moderator und Autor mehrerer Bücher. Er betreibt ein Trainingsunternehmen in der Schweiz. Der Kommunikationsexperte begleitet seit Jahren zahlreiche Unternehmen bis in die höchsten Vorstände von multinationalen Konzernen. Er doziert an Universitäten und Fachhochschulen im Themenfeld Kommunikation. Als Experte nimmt er im Radio und TV-Stationen immer dann Stellung, wenn Kommunikation irgendwo auf der Welt gerade eine entscheidende Rolle spiel, wie beispielsweise die ersten Wochen „Donald Trump“ oder der Blick auf das Kommunikationsverhalten von Boris Johnson oder Greta Thunberg.

Die Kommunikation in ihren unterschiedlichen Welten und die Details in der Sprache faszinieren ihn und prägt seinen beruflichen Werdegang. Er begeistert in seinen Fachartikel und Kolumnen mit feinsinnigem Humor. In seinen Vorträgen und Seminaren vermittelt er Wissen kurzweilig und gespickt mit Beispielen aus der Praxis sowie amüsanten Anekdoten – stets mit einem liebevollen Augenzwinkern und beleuchtet so manche Absurdität aus den Chefetagen auf satirische Weise. Er regt als internationaler Speaker dazu an, wirkungsvolle Kommunikation im Alltag mit Spaß zu erleben.

Stefan Häseli fungiert darüber hinaus als Business-Kabarettist. Der ausgebildete Schauspieler, gefragte Entertainer und Comedian mit jahrelanger Bühnenerfahrung schreibt sämtliche Programme selbst . Dazu kommen regelmäßige Engagements in Kino-Produktionen, TV-Serien, Werbespots und Schulungsfilmen. Er gehört zu den Business Comedians der ersten Stunde, begeistert sein Publikum mit feinsinnigem Humor.

www.stefan-haeseli.com

Bildquellen

  • Stefan Häseli: Stefan Häseli