Gastbeitrag von Katharina Bauer

Ich denke, jeder von uns ist mit Krisenzeiten vertraut. Jeder von uns hat bereits schwere Erlebnisse mitgemacht und jeder von uns stand vor unzähligen Hindernissen. Das gehört zum Leben dazu. Gäbe es kein gut und schlecht, keine Höhen und Tiefen, würde sich alles auf einem monotonen Lebensweg widerspiegeln. Man hätte kein Gefühl dafür, was wirklich herausragend positiv oder besonders schlimm ist. Wir brauchen diese Dualität, um Dinge wertschätzen zu können und richtig einzuordnen. Tun sich Hindernisse auf, sind sie meist eine Lektion des Lebens und wir entscheiden selbst, ob wir sie annehmen und überwinden oder ob wir vor ihr verharren und in der gewohnten Komfortzone bleiben.

Als Sportlerin habe ich bereits mehreren Hürden genommen und den genannten Lektionen eine Ansage gemacht. Ich habe sie erfolgreich angenommen und gemeistert. Verharren war nie mein Stil. Der Lernprozess stagniert nie. Ich weiß, dass es noch mehr Hindernisse in meinem Leben geben wird, die darauf warten, angenommen zu werden. Der Sport hat mich gelehrt, auch den Hindernissen im sonstigen Leben eine Kampfansage machen zu können. Denn ich habe gelernt: Nur so führen wir ein selbstbestimmtes Leben, nur so erfahren wir mehr, und nur so leben wir glücklicher. Es ist immer schwer, den ersten Schritt zu gehen, denn unbewusst schwingt da eine Angst mit, dass es bergab gehen könnte und wir alles verlieren. Aber das entspricht in der Regel nicht der Wahrheit. Wenn wir den Schritt mit Mut wagen, werden wir meistens belohnt und steigen eine Stufe höher. Man muss sich nur trauen und sich überwinden.

Der Sport hat mich gelehrt

Stabhochsprung ist eine Risikosportart. Es kann immer etwas passieren. Und die Angst ist ein ständiger Begleiter, da man sich immer wieder aufs Neue überwinden muss. Wenn ich mich gegen die Angst auflehne oder meine Gedanken nur um Angst kreisen lasse, verstärkt sie sich. Zu akzeptieren, dass das Risiko und die Angst davor nun einmal da sind, entzieht der Angst die Energie und lässt sie verschwinden. Ich konzentriere mich eher auf das, was ich erreichen will, und nicht auf das, wovor ich Angst habe. Dieses Bild manifestiert sich dann so, dass mein und unser aller Unterbewusstsein danach handelt.

„Später“ ist ein Krankheitsbild der Gesellschaft

Die Konzentration ist ein wichtiges Tool, welches ich beim Springen bewusst einsetze und schule. Wenn ich die Anlage betrete, stelle ich mir vor, dass es in diesem Moment keine anderen Sorgen und Ängste gibt, sondern ich nur im Hier und Jetzt bin und nur der Moment zählt. Es gibt nicht unendlich viele Chancen im Leben. „Später“ ist ein Krankheitsbild der Gesellschaft. Durch meine Herzgeschichte – seit April 2018 trage ich einen implantieren Defibrillator in meinem Körper – weiß ich, dass jeder Moment ein Geschenk ist und man jede Chance JETZT nutzen muss, um erfolgreich zu sein.

Damit ich mich täglich motivieren und meine Visionen im Blick behalten kann, habe ich mir ein Vision Board erstellt, das in meinem Schlafzimmer hängt. Alle Träume und Ziele, die ich mir für mein Leben stecke, sehe ich so an jedem Morgen und an jedem Abend und visualisiere sie mit einem starken Gefühl der Dankbarkeit. Man muss sich immer fragen, warum schufte ich so hart, warum arbeite ich so schwer. Dann denke ich an einen glücklichen Erfolgsmoment, sauge das Gefühl so sehr es geht ein und bleibe so immer motiviert. Demnach habe ich das große Bild vor Augen, um mir dann Zwischenziele zu setzen, um das „Glücklichsein-Gefühl“ zu verstärken und dranzubleiben an meinen Zielen.

Im Team ist es leichter

Natürlich sind Ziele einfacher zu erreichen, wenn man jemanden an seiner Seite hat, der an einen glaubt und von dem man vollkommene Unterstützung erhält. In meinem Fall ist das mein Trainer Leszek Klima. Wir sind ein eingeschworenes Team. Er kennt mich in- und auswendig, auch in jeder Krisensituation. Vertrauen ist Grundbestandteil eines guten Teams und, dass eine offene und ehrliche Kommunikation beiderseits herrscht. Wenn es um den letzten Sprung in einem entscheidenden Wettkampf geht, muss ich auf ihn vertrauen, dass er die richtige Entscheidung trifft. Es geht meist nur um Zentimeter und Nuancen. Haben wir einen falschen Weg gewählt, ist es auch da wichtig, sich hinzusetzen und alles gemeinsam aufzulösen. Wir sehen Fehler als Baustein eines Fortschritts.

Selbst entscheiden

Und genau das ist so wichtig, dass jeder von uns entscheiden kann, wie man eine Situation bewertet: als Baustein des Fortschrittes oder als Niederlage und Rückschritt. Jeder sollte bei der Begegnung mit dem nächsten Hindernis überlegen, wie er es bewertet und welche Macht er in sich trägt, es endgültig zu überwinden.

 

Gastbeitrag von Katharina Bauer
Katharina Bauer ist eine deutsche Stabhochspringerin. Seit 2018 lebt sie mit einem implantierten Defibrillator. Sie ist die  erste Profisportlerin, die mit einem Defibrillator an einer Europa- und Weltmeisterschaft teilnahm, und schrieb damit Sportgeschichte. Seit vielen Jahren praktiziert die Teameuropameisterin Yoga. Es ist ihr eine Herzensangelegenheit, Betroffenen Möglichkeiten aufzuzeigen, wie sie ihre Gesundheit verbessern können. Katharina Bauer lebt in Leverkusen, wo sie ideale Trainingsbedingungen und ein professionelles leistungssportliches Umfeld gefunden hat. Informationen unter www.katharina-bauer.online oder auf Instagram katha.bauer